Mal was ganz anderes.

Wohin man sieht, alles ist voll mit Kommentaren zum Thema Flüchtlinge, Asyl, wie wird es weitergehen… eine nötige Diskussion, die aber an manchen Stellen nicht richtig greift. Zum Beispiel an der Stelle, dass wir in Deutschland meinen, wir hätten irgendetwas verdient (z.B. ein ruhiges, sicheres Leben) und etwas anderes nicht (z.B. diese oder jene Art von Stress oder Unwägbarkeiten). Wir hätten es verdient, in unseren kuschligen warmen Häusern zu wohnen, eine Arbeit zu haben und ein sorgenfreies Leben in Gesundheit und mit einem gewissen Standard. Haben wir? Haben wir mit unserem Fleiß, unserem guten Verhalten, unserer Schaffenskraft und Klugheit alles dafür getan, dass das so ist? Ist es nicht viel mehr so, dass wir in vielen Bereichen die Früchte dessen ernten, was die Generation vor uns geschafft hat? Und konnte die das nicht nur schaffen, weil sie eine tiefe Krise überwunden hat? Und hätte sie die überwinden können, wenn sie nicht mit bestimmten Voraussetzungen gesegnet gewesen wäre?

In meinem Weltbild spielt dieses heute nicht mehr so oft gebrauchte Wort “Gnade” eine große Rolle. Vieles von dem, was ich habe – vielleicht alles – ist zu allererst ein Geschenk. Nehmen wir ein konkretes Beispiel, das mit der Website hier zu tun hat. Dass ich einen Vortrag halten kann, die Zeit habe, mich darauf vorzubereiten, dabei in einem warmen Zimmer an einem funktionierenden PC sitze, dass ich gesund genug dafür bin, dass ich es mir leisten kann, mich mit lächerlichen “Problemen” wie einer nicht funktionierenden Internetverbindung zu befassen, dass ich keine Angst davor habe(n muss), öffentlich zu reden, wie viel hat das tatsächlich mit meiner Leistung zu tun? Manches vielleicht schon. Zum Beispiel bin ich im Grunde eher schüchtern (auch wenn mir das immer keiner glaubt) und fühle mich (Achtung, Outing) leicht unwohl, wenn mir mehr als eine einzelne Person gegenübersitzt oder -steht. Das könnte ich einfach so hinnehmen und sagen: dann vermeide ich das halt. Und manchmal tu ich genau das, die Freiheit habe ich, zu sagen: ich will das jetzt nicht, das ist mir zu viel, ich entziehe mich dem jetzt. Allein das empfinde ich schon als Geschenk, das kann nicht jeder.

Ein Geschenk, das ich nicht bekommen habe, weil ich so ein großartiger, toller, guter Mensch bin. Bin ich nämlich nicht, Überraschung.

Aber das hab’ ich mir erarbeitet, dass ich z.B. vor Leuten reden kann, obwohl ich nicht von Natur aus der “Mittelpunkt der Party” bin oder sein möchte, eher introvertiert veranlagt bin. Warum konnte ich das schaffen? Wiederum wegen gewisser Gegebenheiten, die ich mir nicht verdient habe. Ich habe die Möglichkeit dazu, mich intellektuell mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. Ich kann gut reflektieren. Das ist zum Beispiel was, was nicht jeder kann, das kann ich jemandem, der es nicht kann, aber nicht zum Vorwurf machen. Dann müsste man mir mit meinen 164 Zentimetern Länge zum Vorwurf machen, dass ich nicht ohne “Tritt” unter meinen Füßen ans obere Fach im Küchenschrank komme (das Beispiel ist theoretisch, ich habe keine Wandschränke, hihi).

Jeder Mensch kommt in bestimmten Umständen, mit bestimmten Voraussetzungen, an  einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zur Welt. Was er aus diesen Umständen etc. macht, ist wiederum viel von Familiengeschichte, Umfeld und Erziehung/Werten in der jeweiligen Gesellschaft abhängig. Selbst so etwas wie eine innere Einstellung zum Leben, Resilienz oder wie der Körper auf Stress reagiert, wird zum Teil vererbt, das weiß man aus der Hirnforschung, Stichwort Epigenetik. (Ich hab einen guten Vortrag von einer Südafrikanerin dazu gehört, den ich aber nicht online finde und der ja auch wieder mal auf Englisch wäre, also lass’ ich das…)

Ich halte es für fatal, ein Urteil irgendeiner Art über einen Menschen zu fällen. Es steht mir schlicht nicht zu. Ich kann sagen: es ist falsch, was du tust. Aber ich kann nicht sagen, ob ich nicht exakt genauso gehandelt hätte, wenn ich in seiner Haut stecken würde, im gleichen Umfeld etc. aufgewachsen wäre. Ich kann sagen: es ist nicht zu Ende gedacht, was du sagst. Aber würde mir genau das unter gleichen Voraussetzungen leichter fallen? Sicher nicht.

Wenn es mir gelingt, etwas nicht zu tun, etwas nicht zu denken oder zu sagen, was lebensfeindlich und lieblos ist – denn darauf laufen die “10 Gebote” schlussendlich doch raus – dann darf ich vielleicht Gott dafür danke sagen und  bitten, dass er mir weiterhin hilft, nicht so viel dummes Zeug zu machen. Aber oft genug mach’ ich eh dummes Zeug. Denke lieblos über Menschen, spreche lieblose Dinge aus, behandle Menschen lieblos. Nur ist Manches davon gesellschaftlich akzeptiert und Anderes nicht. Mein Urteil kann kein Maßstab sein. Keines Menschen Urteil kann das. Dafür braucht es Gott. Sonst kriegt die Menschheit einen riesigen Knoten im Kopf. Hm. Hat sie wohl schon.

Neulich habe ich einen Kommentar von Sibylle Berg gelesen, der einen Satz drin hatte, der mich schmunzeln ließ, aber doch treffend war:

Kinder sind Menschen, bevor sie zu Idioten werden.

Ich bin nun wahrlich nicht immer Frau Bergs Meinung, lese ihre Beiträge dennoch meist gerne, wünschte oft, ich könnte sie um eine weitere Perspektive ergänzen, aus meiner Sicht: rund machen.

In der Bibel gibt es einen Satz, der die Grundlage für Frau Bergs Satz gewesen sein könnte, wenn sie denn nicht Atheist wäre (jedenfalls verstehe ich sie so):

…da ist keiner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer!

Paulus legt im Brief an die Römer, aus dem dieser Satz stammt, die Grundlage dafür, dass die Leute verstehen, warum Jesus sterben musste, ja für uns sterben wollte, warum sie ihn, seinen Tod und seine Auferstehung brauchen. Das klingt am Anfang des Briefes hart, so, dass man schlucken muss, er löst aber die Härte auf in der vollkommenen, alles übertreffenden Liebe Gottes.

Paulus sagt, dass der Mensch von sich aus nichts vorzuweisen hat. Es gibt niemanden, der nicht mindestens eines der Gebote gebrochen hätte, und vor einem heiligen Gott gibt’s da keine Hintertüre, durchgefallen. Bei einem heiligen Gott gibt es aber grenzenlose Liebe:

Die Liebe ist langmütig und gütig,

die Liebe beneidet nicht,

die Liebe prahlt nicht,

sie bläht sich nicht auf;

sie ist nicht unanständig,

sie sucht nicht das Ihre,

sie läßt sich nicht erbittern,

sie rechnet das Böse nicht zu;

sie freut sich nicht an der Ungerechtigkeit,

sie freut sich aber an der Wahrheit;

sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.

Das hat wiederum der Paulus geschrieben, diesmal an die Korinther. Und es berührt mich jedesmal. Ich kenne die Verse schon von Jugendzeit an, aber lang waren es für mich nur schöne Worte, die ich nicht wirklich verstanden habe. Mit knapp 40 Jahren und durch viele Tiefen im Leben reicher geworden, habe ich eine Ahnung davon bekommen, was die letzten Worte bedeuten könnten. Liebe, die alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, alles erduldet. So ist Gott. Er hält es aus mit mir, an Stellen, wo es mir manchmal selbst schwer fällt.

Wenn ich das weiß, gibt mir das Kraft für Vieles. Sein Ertragen, Sein Glaube, Seine Hoffnung und Sein Aushalten, wie könnte ich das nur für mich behalten und beanspruchen?

Ich hoffe, dass Gott das durch mich auch weitergeben kann, weil das jeder braucht.

Ich mach’ auch weiterhin dumme Sachen. Und Gott  ist auch weiterhin für mich da.

Wir haben immer diesen Anspruch, dass wir wissen oder meinen, herausfinden zu können, was richtig und was falsch ist. Richtig und falsch, das hab’ ich oben schon angedeutet, das kann kein Mensch entscheiden können. Die Grundlage dafür muss von Gott kommen. Alles menschliche ist und bleibt relativ, nur Gott kann absolut sein. Und ich bin fest davon überzeugt, dass ich Schwierigkeiten nur mit ihm standhalten kann. Ob den kleineren, persönlicheren – es gibt auch große persönliche, ohne Zweifel – oder den globaleren, dem, was gerade auf der Welt passiert und unser Land so umtreibt.

Hass kann niemals eine Antwort finden. Urteil kann niemals aufbauen oder hilfreich sein. Ohne Liebe, die alles erträgt, glaubt, hofft und erduldet, haben wir verloren.

…die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus…

Das hat jetzt nicht der Paulus gesagt, sondern der Johannes. Und es ist ein passendes Schlusswort in einer Zeit, in der so viele Menschen sich von ihrer Furcht beherrschen lassen. Liebe und Angst sind wie entegegengesetzte Pole. Und wenn ich Angst bei mir entdecke, kann ich Gott um seine Liebe an der Stelle bitten. Manchmal stelle ich fest, dass sich sofort etwas ändert, manchmal ist es ein kleiner Kampf für mich, weil ich gewohnheitsmäßig ein sturer Depp sein kann, aber es ist ein Kampf, den es sich kämpfen lohnt.

PS: nur damit das klar ist, ich entschuldige an keiner Stelle lebensfeindliches und liebloses Verhalten. Und das tut Gott auch nicht. Aber er vergibt, wenn man ihn darum bittet. Kompromisslos.